Bucket List Koyasan 1 Header
Iris van den Broek
Iris van den Broek

Das Tempelleben auf Japans heiligstem Berg

Japan

Mystisches Koyasan

In Nebel gehüllte Gipfel, historische Tempel und ein jahrhundertealter Friedhof: Koyasan ist ein wahrhaft magischer Ort. iFly-Reporterin Iris van den Broek kostete 2 Tage lang das Tempelleben auf Japans heiligstem Berg

Erleben Sie Koyasan
Bucket List Koyasan 2 Bg
Bucket List Koyasan 2 Icon

Iris van den Broek

Auf der Holzveranda des Tempels liegt ein Meer an braunen Lederschlappen. „Die sind für drinnen. Ihre Schuhe können Sie im Regal vor dem Tempel abstellen“, sagt Nobu, einer der Mönche aus dem Ekoin-Tempel, in dem ich wohnen werde. Ich ziehe meine Schuhe aus und schlüpfe in ein Paar Schlappen. Ekoin gehört zu den 52 Shukubo-Unterkünften in Koyasan: Tempel, in denen Reisende wohnen und das Leben der buddhistischen Mönche in Japan kosten können. Open up to the world lautet das Motto dieses Tempeldorfes. 

Bucket List Koyasan 2 01 Room
Bucket List Koyasan 2 02 Entrance

Allein schon die Reise hierher ist ein Erlebnis. Von Osaka aus sind es nur 1,5 Stunden mit dem Zug durch eine Bergregion. Je mehr sich der Zug Koyasan nähert, desto langsamer fährt er und desto dichter wird der Wald. Das letzte Stück wird mit einer Standseilbahn zurückgelegt. Danach fährt uns ein Bus ins Dorf. Ich habe ein wunderschönes Zimmer im Tempel bekommen, mit typisch japanischen Schiebetüren und einem Erker mit Blick auf den Innenhof. „Um halb 6 bringen wir Ihnen das Abendessen aufs Zimmer“, sagt Nobu. Bis dahin werde ich das Dorf erkunden.

  • Bucket List Koyasan 3 Slider 1
    Iris van den Broek
  • Bucket List Koyasan 3 Slider 2
    Iris van den Broek
  • Bucket List Koyasan 3 Slider 3
    Iris van den Broek
  • Bucket List Koyasan 3 Slider 4
Bucket List Koyasan 4 Bg

Mönche in Holzpantinen

Koyasan zählt nicht weniger als 117 Tempel. Auf dem Weg zum Danjo Garan, dem wichtigsten Tempelkomplex des Dorfes, gehe ich durch die Hauptstraße und sehe Bäckereien, Läden und kleine Restaurants. Komischerweise hatte ich das nicht erwartet; es macht das Dorf sehr lebenswert. 

Allgegenwärtig in Koyasan ist die Seele von Kobo-Daishi, dem Begründer des Shingon-Buddhismus und Gründer von Koyasan. Koyasan ist das Epizentrum dieser Richtung des Buddhismus. Der Legende nach ist Danjo Garan der Ort, wo 805 alles angefangen hat.

Bucket List Koyasan 4 01
Bucket List Koyasan 4 02

Der Komplex besteht aus 20 Gebäuden, deren Blickfang die leuchtend rote, 45 m hohe Konpon-Daito-Pagode ist. Während ich über das Tempelgelände spaziere, erscheint eine große Gruppe von Mönchen. In Holzpantinen klappern sie eilig zu einem der Tempel und beginnen dort laut zu singen. Das wiederholen sie bei fast jedem Gebäude hier. Es ist wunderschön und ungemein faszinierend. Koyasan strotzt vor dieser Art von Mystik.

  • Bucket List Koyasan 5 Slider 1
    Iris van den Broek
  • Bucket List Koyasan 5 Slider 2
    Iris van den Broek
  • Bucket List Koyasan 5 Slider 3
    Iris van den Broek

„Eine Gruppe von Mönchen fängt laut an zu singen. Es ist wunderschön und ungemein faszinierend. Koyasan strotzt vor dieser Art von Mystik.“

Bucket List Koyasan 6 Bg
Bucket List Koyasan 6 01

Schauerlich-schön: der Okunoin-Friedhof

Wie schön der Danjo-Garan-Komplex auch sein mag, die eigentliche Attraktion von Koyasan ist der mysteriöse Okunoin-Friedhof. Ein 2 km langer Weg führt mich an mehr als 200.000 bemoosten Grabsteinen und hoch aufragenden Zedern vorbei. Okunoin ist ein unwirklicher Ort und gehört zu den eindrucksvollsten Dingen, die ich je gesehen habe. Ein Ort voller Symbolik, wenn man weiß, worauf man achten muss. Viele Grabsteine bestehen zum Beispiel aus einer Ansammlung von Formen, die die fünf Godai (Elemente) darstellen: Wasser, Wind, Feuer, Luft und Energie. Der dahinterliegende Gedanke: Nach unserem Tod kehrt unser Körper zu diesen ursprünglichen, elementaren Formen zurück.

Hier findet sich auch der Sugatami-no-ido, der Brunnen der Reflexion. Wer sein Spiegelbild nicht im Wasser sieht, wird innerhalb von 3 Jahren sterben. Ich bin natürlich überhaupt nicht abergläubisch, sehe aber trotzdem nach, ob sich mein Spiegelbild zeigen will. Zum ersten Mal bin ich richtig froh festzustellen, dass mein Haar heute überhaupt nicht sitzt. 

Speisen wie die Mönche

Fürs Abendessen kehre ich zurück zu meiner Ekoin-Unterkunft. Als ich in Socken auf den Tatami-Matten in meinem Zimmer Platz genommen habe, klopft es an der Tür. Herein kommt ein Mönch mit zwei Tabletts voller Speisen in herrlichen Farben. In den Tempeln wird Shojin-ryori gegessen; so heißt die vegane Küche der Mönche. Kein Fleisch, kein Fisch, viel Tofu, viel Gemüse und Miso-Suppe. Unter jedem Deckel erwartet mich eine neue Überraschung und alles ist einfach köstlich.

Bucket List Koyasan 6 02
Bucket List Koyasan 7 01 Okunoin
Bucket List Koyasan 7 Bg
Bucket List Koyasan 7 02

Abendspaziergang über den Friedhof

Nach dem Abendessen lädt mich Nobu zu einem Abendspaziergang über den Friedhof ein. Bei gutem Wetter organisiert der Tempel oft solche Spaziergänge. Ich bin nicht unbedingt ein Held im Dunkeln und nach Einbruch der Dunkelheit über einen Friedhof zu streifen, klingt in meinen Ohren nicht gerade verlockend. Doch seltsamerweise ist es auf dem Okunoin-Friedhof alles andere als gruselig. „Hier ruhen auch keine Toten, denn die Körper werden verbrannt“, erzählt Nobu, während wir über den gepflasterten Weg zwischen den Gräbern schlendern. 

Nach einer halben Stunde Fußweg stehen wir vor der Gobyonohashi-Brücke, die zur Torodo (Laternenhalle) und dem dahinter gelegenen Mausoleum von Kobo-Daishi führt. „Aus Respekt darf man nach Betreten dieser Brücke nicht mehr fotografieren“, sagt Nobu. Schade, ich hätte die 10.000 Laternen gerne festgehalten. Noch immer wird Kobo-Daishi zweimal täglich eine Mahlzeit angeboten; ein Ritual, das um 6 Uhr morgens und um halb 11 abends stattfindet. Es heißt, Kobo-Daishi befände sich im Zustand der ewigen Meditation. Niemand darf hinein, nur der Hauptpriester, der ihm sein Essen bringt. Überprüfen kann ich es also nicht

Feuerritual

Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker schon früh, denn das morgendliche Ritual fängt um halb 7 an. In der kühlen Morgenluft gehe ich zum Haupttempel von Ekoin, wo das Ganze stattfinden wird. Ich setze mich zu den anderen Gästen, die auch im Tempel wohnen. Zwei Mönche bieten Buddha Opfergaben an. Die Klänge sind hypnotisierend und bringen mich fast in Trance. Anschließend folgt im kleinen Tempel am Eingang eine Feuerzeremonie, die charakteristisch ist für den Shingon-Buddhismus. Das Ritual soll negative Energien zerstören und eine reinigende Wirkung auf Körper und Geist haben.

Bucket List Koyasan 7 03
Bucket List Koyasan 8 Bg
Iris van den Broek

''Koyasan kann man eigentlich nicht beschreiben, man muss es erleben.''

Wieder in meinem Zimmer sehe ich, dass das Frühstück bereits serviert wurde. Am Morgen Tofu, Reis und Bohnen zu essen ist zwar gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber sehr gut. Ich nehme mein Smartphone, um die Abfahrtzeit des Busses in Erfahrung zu bringen. Ja, WLAN gehört hier zum Tempelleben dazu. Dann gehe ich durch die prächtigen Flure zum Eingang. Dort tausche ich meine Schlappen gegen meine eigenen Schuhe ein und nehme den Bus zur Standseilbahn, die mich zurückbringt. Zurück zum Alltag.

KLM

iFly Magazine

Februar 2017

Schalten Sie den Ton ein,
dann macht‘s am meisten Spaß